Kerze, Baumstamm,Teppich, blau, Tee, Brille, Schaf
Blau
„Ich mag blau nicht“, röhrte der Baumstamm mürrisch.
„Warum nicht? Blau ist doch eine schöne Farbe: frisch, leicht in seinen hellsten Tönen, tief, meditativ und entspannend in den dunklen Nuancen und immer Ausdruck von Weite.“
Dabei schaute das Schaf sehnsuchtsvoll in die Ferne, hinauf zu den grünen Hügeln, die aus der Entfernung leicht blau schimmerten und auf denen seine Herde graste. Heute wollte es allein in der Scheune bleiben. Aber es ärgerte sich, dass es das Gegrummel der alten Eiche anhören musste, der man vor zwei Wochen die Äste und die Krone absägte, so dass nur noch ein Stumpf von einem Meter Höhe stehen blieb. Was konnte das Schaf dafür, dass die Eiche innen hohl war und zur Gefahr für die Tiere wurde?
„Genau. Weite. Als ich noch eine Krone hatte, sah ich jeden Tag das Blau des Himmels über mir. Und wenn Wolken zogen, dann schimmerten sie durch meine Blätter schwer und dunkelblau. Am Abend war der Himmel nachtblau. Blau Blau blau. Immer über meiner Krone. Dabei hätte ich das Blau gern zu meinen Wurzeln!“
Das Schaf verstand den Baumstamm nicht. Und wollte sich nicht auf die Melancholie der alten Eiche einlassen. Denn es fühlte sich selber schwer und traurig. Das Schaf dachte an seine Mutter. Nur noch ein blau verblichener, verfilzter Teppich erinnerte an sie. Gewebt aus der dichten, warmen und weichen Wolle seiner Mutter. Heute war ihr Gedenktag. Dazu hatte das Schaf extra eine Kerze angezündet, setzte sich eine Brille auf, um die Dose mit dem Tee zu finden – ein heißer Kräutertee würde ihm jetzt gut tun. Danach legte sich das Schaf auf den Teppich und fühlte sich wie damals, als es noch ein Lämmchen war und sein Köpfchen an den warmen Körper seiner Mutter legte. Der Teppich war noch immer warm und weich.